Was ist Gamergate?
TL;DR: Im Kern von Gamergate liegt der Wunsch von Videospielern, über mögliche Interessenskonflikte der Blogger oder Journalisten zu erfahren. Auf der anderen Seite wird dies nur als Begründung gesehen um einen vermeintliche Status quo aufrechtzuerhalten und Frauen, die in der Spieleindustrie Fuß fassen wollen, zu vertreiben.
Vorwort
Aufgrund der Ausmaße, die Gamergate angenommen hat, werde ich nur von den Geschehnissen berichten, die meiner Meinung nach den größten Einfluss auf die Bewegung hatten und bis jetzt relevant sind. Ziel diese Textes ist, Personen die noch nicht wissen worum es geht, einen Überblick zu verschaffen ohne dabei zu sehr auf Details einzugehen.
Solltes Du etwas vermissen, was Du für wichtig erachtest, dann hinterlasse bitte einen Kommentar und bedenke, dass es nicht leicht war zu entscheiden, was in den Artikel aufgenommen wurde und was nicht.
Anmerkung zu Drohungen
Im Zusammenhang mit Gamergate wurden von beiden Seiten zahlreiche Drohungen ausgesprochen, die oft der Fokus von Diskussionen rund um das Thema werden. Im Rahmen dieser Zusammenfassung halte ich dies für unnötig und werde nur bestimmte Vorfälle ansprechen, die meiner Meinung nach einen großen Einfluss auf die Bewegung hatten.
Da es sich um eine Bewegung handelt, die sich zum Großteil auf Twitter abspielt, kann jeder, der einen Account angelegt hat, etwas dazu beitragen. Dadurch ist es oft schwer zu sagen, welche Aussagen und Ziele von den Mitgliedern unterstützt werden und welche nur von einzelnen Trollen ausgesprochen werden. Es gibt auch kein Komittee, das jeden Tweet mit dem Hashtag #Gamergate erst genehmigt, bevor dieser verbreitet wird. Sollte jemand zum Beispiel auf Twitter etwas veröffentlichen wie: „Wir von #Gamergate möchten, dass alle Frauen getötet werden“, bedeutet dies nicht, dass die Bewegung etwas damit zu tun hat. So lächerlich dieses Beispiel auch klingt, scheint es viele zu geben, die dabei Verständnisprobleme haben, wie wir später sehen werden. Natürlich gilt das auch für die Anti-Gamergate Seite.
Der Zoepost
Alles begann am 16.08. mit der Veröffentlichung des sogenannten Zoepost, einem Blog, in dem der Ex-Freund der unabhängigen Spieleentwicklerin Zoe Quinn über Aspekte ihrer gescheiterten Beziehung berichtete. Obwohl es verwerflich ist persönliche Angelegenheiten auf derartige Weise in der Öffentlichkeit breitzutreten, waren darin Details enthalten, die es für Viele unmöglich machte die Informationen zu ignorieren. So stellte sich heraus, dass die Betroffene sexuelle Affären mit Personen aus verschiedensten Bereichen der Spieleindustrie hatte und Vorwürfe wurden laut, sie hätte sich dadurch Vorteile verschafft.
Am 17.08 veröffentlichte der Youtuber MundaneMatt dazu ein Video, welches von Zoe milles DMCA gesperrt wurde, da es ein Bild des Spieles zeigt. Zwei Tage später machte Totalbuiscuit, der ebenfalls Youtube als Plattform nutzt, seiner Verachtung über derartigen Praktiken auf reddit Luft und in dem dabei entstandenen Thread wurden ca 25.000 Kommentare gelöscht. Durch den Streisand-Effekt verbreiteten sich die Informationen daraufhin in den Weiten des Internets.
In zahlreichen Foren entstanden Disskusionen rund um die Vorfälle, die jedoch in fast allen verboten wurden, da man die weitere Verbreitung der persönlichen Details verhindern wollte. Bei Einigen erweckte dies jedoch den Anschein, man versuche das Problem unter den Teppich zu kehren und den Webseiten die Diskussionen darüber verboten haben, oder sich kritisch über die Bewegung äußerten, wurde vorgeworfen sie hätten ebenfalls etwas zu verbergen. Als Antwort auf die Zensur wurde das Subreddit Kotakuinaction gegründet und nachdem sogar 4chan Gespräche darüber verboten hatte, zogen viele weiter auf 8chan.
Unterstüzer der Bewegung versuchten bereits sehr bald den Fokus weg von Zoe Quinn zu lenken um über fragwürdiges Verhalten der Videospiel-Presse sprechen zu können, ohne mit Vorwürfen konfrontiert zu werden, sie möchten ihr Privatleben weiter unter die Lupe nehmen.
Dies war jedoch nur schwer möglich, da sie in Interessenskonflikte verwickelt war, zu denen die Verwickelten noch immer nicht Stellung genommen haben und weitere Details über sie aus den Tiefen des Internets ausgegraben wurden. Weiters wurde oft die Bezeichnung „Five Guys“ (nach einer Restaurant-Kette) oder Variationen davon verwendet. Eine Anspielung auf die Zahl der Personen, mit der sie Affären hatte.
Von der Presse wurden Artikel veröffentlicht, bei denen ein starker Fokus auf die betroffene Person gelegt wurde. Dies erweckte den Anschein, man stelle sie absichtlich immer wieder ins Rampenlicht um von den Vorwürfen abzulenken. Um die Irrelevanz der betroffenen Entwicklerin zu unterstreichen, begannen Personen aus der Bewegung sie als „Literally Who“, oder „LW“ zu bezeichnen, wird aber unter dieser neuen Bezeichnung immer wieder zur Sprache gebracht.
Vorgeworfene Interessenskonflikte
Zahlreiche Videospieler machten es sich zur Aufgabe Informationen über mögliche Interessenskonflikte zu finden, wobei besonders die Webseiten durchleuchtet wurden, die sich verdächtig verhalten haben. Gefordert wurde und wird noch immer, dass auf mögliche Interessenskonflikte hingewiesen wird, oder die betreffende Person nicht darüber berichtet.
Neben den Interessenskonflikten sind auch feministische Ideologien Einigen ein Dorn im Auge, von denen die Presse angeblich beeinflusst wird. Zudem bezeichnen sich viele Kritiker der Bewegung als Feministen. Es ist schwer zu sagen wie sehr dies ein Teil von Gamergate ist, doch sollte angemerkt werden, dass es in den Communities oft angesprochen wird. Im späteren Verlauf wird sich noch zeigen, dass besonders die Opposition immer wieder versucht, die Bewegung in diese Richtung zu drängen.
Ein Auszug der aufgezeigten Interessenskonflikten:
- Ben Kuchera von Polygon unterstützt Zoe Quinn seit 06.01.2014 finanziell über patreon und hat am 19.03.2014 positiv über ihr Spiel berichtet.
In einem Statement von Christopher Grant wurde angemerkt, dass dies nach ihren Grundsätzen nicht verboten sei, dies jedoch offengelegt werden muss, was seitdem nachgeholt wurde. - Danielle Riendeau von Polygon war am 08.08.2013 als Gast bei dem Podcast „Idle Thumbs“, zu dessen Moderatoren Chris Remo zählt, der für die Musik des Spiels Gone Home verantwortlich war und mit ihr nach eigenen Angaben befreundet ist. Dieses Spiel wurde am 15.08.2013 veröffentlicht und Riendeau verfasste eine Review dazu. Zum aktuellen Zeitpunkt wird sie auch als eine der regulären Moderatoren gelistet.
- Nathan Grayson, eine der Personen mit der Zoe eine Affäre hatte, erwähnte sie zweimal, einmal auf Rock-Paper-Shotgun und einmal auf Kotaku.
Stephen Totilo von Kotaku bestätigte, dass die Affäre stattgefunden hat, dass diese aber erst nach dem auf Kotaku veröffentlichten Bericht begann. - Patricia Hernandez von Kotaku berichtete vier mal über die Entwicklerin Anna Anthropy und erwähnte sie in zwei Artikel, mit der sie befreundet ist und eine Wohnung teilte. Weiters schrieb sie über ein Spiel von Christine Love mit der sie eine Beziehung hatte.
Auch dazu nahm Stephen Totilo Stellung und gab an, dass derartiges ab sofort offengelgt werden muss, was bereits nachgeholt wurde. - Leigh Alexander traf Daphny, die Partnerin von Anna Anthropy auf der GDC 2011, die von 28.02.2011 – 04.03.2011 stattfand. Wie Daphny berichtet, erhielt sie von Alexander eine Empfehlung und in Bildern, die ebenfalls auf der bereits verlinkten Seite zu sehen sind, scheinen sie sich auf der Veranstaltung gut verstanden zu haben. Danach berichtete Alexander auf verschiedenen Publikationen über ihre Lebenspartnerin Anna Anthropy und ihr Spiel und erwähnte sie zwei mal. In einer Rede im Rahmen des heurigen xoxo Festivals gab sie an, dass sie nicht versucht Objektiv zu wirken sondern bewusst Subjektiv bei der Berichterstattung über diverse Themen vorgeht, um das zu unterstüzen was sie für wichtig erachtet.
- In einem Versuch zu zeigen, dass Gamergate nur an Korruption interessiert ist, wenn Frauen beteiligt sind, berichtete Antony Burch von Interessenskonflikten, die ihn selbst betreffen und der Bewegung aufgrund seines Geschlechts angeblich sind. Zwei Freunde und ehemalige Mitarbeiter von Destructoid haben je eine Erweiterung für das Spiel Borderlands 2 getestet ohne ihre Beziehung bekannt zu geben. Der Editor-In-Chief Dale North verfasste daraufhin einen Blog-Eintrag, doch wurde bei den genannten Reviews keine Anmerkung hinzugefügt.
Neben Bloggern und Journalisten wurden auch mögliche Korruptionsfälle in anderen Bereichen der Indie-Welt ausfindig gemacht.
- Robin Arnott, eine der Personen mit der Zoe Quinn eine Affäre hatte, war in Teil des Committees der Night Games Selection von IndieCade, für die ihr Spiel nominiert wurde und auch gewann.
- Weiter Vorwürfe rund um IndieCade, das Independent Games Festival und den Indie Fund wurden laut, die in diesem Video aufgezeigt werden.
#GamerGate
Bis zum 27.08. hatte die Bewegung noch nicht den Namen unter dem sie später bekannt wurde. Dies änderte sich, als der Schauspieler Adam Baldwin sich auf Twitter dazu äußerte und den Hashtag #GamerGate verwendete.
Videospieler sind Tot
Ende August wurden auf zahlreichen Webseiten Artikel veröffentlicht, in denen die Videospieler-Identität für Tot erklärt wurde.
In diesen wurde beschrieben wie sich die Videospielindustrie in den letzten Jahren veränderte. Durch die Allgegenwärtigkeit von Spielen und den leichten Einstieg in die Entwicklung, ist es immer mehr Menschen möglich daran Teil zu haben, wodurch die Relevanz der traditionellen Zielgruppe schwindet. Diese würden über diese Entwicklung unglücklich sein und versuche mit Drohungen und Belästigungen alle fern zu halten, die den vermeintlichen Status quo gefährden.
Aufgrund der teilweise sehr herablassenden Ausdrucksweise sahen viele die Artikel als persönlichen Angriff und da fast alle am gleichen Tag veröffentlicht wurden, erweckte dies den Anschein, zwischen den Webseiten würde es hinter den Kulissen zu Absprachen kommen.
GameJournoPros
Dies wurde am 17.09.2014 bestätigt als Milo Yiannopoulos von Breitbart Details zur GameJournoPros veröffentlichte, eine Google-Gruppe zu deren Mitgliedern zahlreiche Autoren bekannter Webseiten zählen.
In dieser wurden Gespräche rund um die Vorfälle geführt, wobei einige davon gut zeigen, was sich hinter verschlossener Tür abspielte. So sieht man wie Ben Kuchera von Polygon auf Greg Tito von The Escapist Druck ausübte und versuchte ihn dazu zu bringen, die Diskussion über die Vorfälle in deren Forum zu verbieten. Andrew Groen von WIRED schlug ein „feel better“ Geschenk für Zoe vor, wobei er an ein Schreiben dachte mit unterstützenden Worten, das die Mitglieder der Gruppe unterzeichnen sollen, ein Vorhaben welches jedoch von Vielen kritisch betrachtet wurde.
Es sollte noch angemerkt werden, dass in den veröffentlichten Konversationen nicht über die Artikel gesprochen wurde, die Videospieler für tot erklärten.
Durch die zuvor erwähnten Artikel und die neuen Informationen wurde es für die Befürworter immer klarer, welche Webseiten ihnen in ihrem Kampf gegenüber stehen und versuchten diese zu schädigen. Um weitere Berichte von den betroffenen Seiten lesen zu können ohne ihnen Werbeeinnahmen zu verschaffen, werden Artikel nur in archivierter Form in den Communities verbreitet. Weiters wurden Kampagnen gestartet, in denen die Community dazu aufgerufen wurde, die Werbepartner der betroffenen Webseiten zu kontaktieren um zu versuchen die Zusammenarbeit zwischen diesen zu beenden. Erst Früchte trugen diese Bemühungen als Intel die Kooperation mit Gamasutra im Rahmen einer Werbekampagne einstellte.
#NotYourShield
Gamergate wurde seit dem Beginn bis zum heutigen Tag von Webseiten und Personen oft als eine Gruppe, bestehend aus heterosexuellen Männern mit weißer Hautfarbe, beschrieben. Weiters gaben sie an, sie selbst würden sich für Frauen, Personen mit dunkler Hautfarbe und Homosexuellen einsetzen, denen es schwer gemacht wird ein Teil der verschiedenen Communities zu werden.
Einige, die zu diesen Gruppen zählen, fühlten sich ausgenutzt und der #NotYourShield Hashtag wurde geschaffen um auszudrücken, dass sie nicht als Schutzschild für die verwickelten Seiten dienen, die nur vorgeben ihre Interessen zu vertreten um von den eigentlichen Problemen abzulenken.
In den nächsten Wochen zeigten viele Personen auf Twitter, dass sie ein Teil einer Gruppe sind, die als Ausgeschlossen wahrgenommen wird, jedoch Gamergate unterstützen. Einige weibliche Unterstützer der Bewegung begannen auch männerlose Streams zu veranstalten und zeigen so einen Vielfältigkeit, die laut den Gegnern aufgrund des allgegenwärtigen Frauenhasses nicht möglich sein sollte. Gegner der Bewegung sehen darin nicht mehr als eine Inszenierung.
Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Mainstreammedien
Durch das ständige Wachsen der Bewegung wurden immer mehr Publikationen auf den Hashtag aufmerksam und die ersten Berichterstattungen außerhalb der üblichen Kreise folgten. Diese zeigten jedoch fast ausschließlich die Opposition, was bei Befürwortern eine verständliche Reaktion auslöste und einige Mitglieder dazu bewegte diese zu kontaktieren. Weiters lag der Fokus zum Großteil auf Drohungen, die gegen bestimmte Personen, wie Zoe Quinn, Brianna Wu und Anita Sarkeesian gerichtet wurden. Diese würden angeblich von der Gamergate-Bewegung ausgehen, doch wie anfangs erklärt, kann man von Einzelnen, die den Hashtag verwenden, nicht auf die ganze Gruppe schließen. Neben den Drohungen wurde auch oft über die geringe Zahl der Frauen gesprochen, die in der Videospielindustrie arbeiten, was oft als Beweis für Sexismus gesehen wird. Auch die Darstellung von Frauen in diveres Videospielen wurde gelegentlich angesprochen. So fallen die ursprünglichen Vorwürfe völlig unter den Tisch und die Community sieht sich immer wieder in der Verteidigungsposition und versucht Vorwürfe zurückzuweisen.
Einmal wurde es jedoch drei Frauen aus der Bewegung möglich bei HuffPostLive die andere Seite aufzuzeigen und es scheint als würden auch andere eine Chance bekommen angehört zu werden.
Ausblick
Zur Zeit versuchen die Mitglieder von Gamergate weiterhin die verwickelten Publikationen unter Druck zu setzen und können fast täglich von Werbepartnern berichten, die die Zusammenarbeit mit ihnen abgebrochen haben. Auch in den Mainstreammedien finden sie immer mehr Gehör, was die Interessenskonflikte wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit bringen könnten.
Wie es jedoch genau weitergeht ist schwer zu sagen und der Konflikt, der jetzt bereits mehrere Monate andauert, hätte seit langem beendet werden können, hätten die betroffenen Seiten dazu Stellung genommen und fortan Interessenskonflikte offen angegeben.
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